Die Digitalisierung im Gesundheitswesen eröffnet neue Wege in der Behandlung und Begleitung von Krebspatientinnen und ‑patienten. Seit Oktober 2020 können Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) – sogenannte “Apps auf Rezept” – verordnen, deren Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden.
Der Großteil der aktuell zugelassenen Gesundheitsanwendungen richtet sich an Patientinnen und Patienten mit psychosomatischen und orthopäschen Diagnosen. Speziell für onkologische Patient*innen wurden bislang nur wenige DiGA zugelassen, die verschiedene Aspekte der onkologischen Erkrankung addressieren – von der Fatigue-Behandlung bis zur ganzheitlichen Lebensstilbegleitung. Da Krebspatient*innen jedoch häufig unter Begleiterkrankungen leiden, können auch DiGA für Depressionen, Schlafstörungen, chronische Schmerzen oder zur Raucherentwöhnung relevant sein. Diese Apps ergänzen die medizinische Versorgung und ermöglichen eine individualisierte, zeitlich flexible Betreuung.
Untire – Die erste DiGA gegen Fatigue
Untire war als erste DiGA zur Behandlung der krebsbedingten Fatigue vorläufig in das BfArM-Verzeichnis aufgenommen worden. Die App richtet sich (derzeit ausschließlich) an Brustkrebspatient*innen, die unter chronischer Erschöpfung leiden – einem Symptom, das bis zu 90% aller Krebsbetroffenen betrifft.
Das multimodale 12-wöchige Programm basiert auf bewährten psychoonkologischen Methoden und kombiniert Psychoedukation, kognitive Verhaltenstherapie, achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR), Energiemanagement und körperliche Aktivierung. Patient*innen lernen Strategien zur Bewältigung der Erschöpfung und erhalten Tools für einen besseren Umgang mit ihrer Energie im Alltag.

Die wissenschaftliche Evidenz ist beeindruckend: In der internationalen Untire-I-Studie mit über 350 Teilnehmenden zeigte sich eine signifikante Reduktion der Fatigue-Symptomatik. Die deutsche Untire-II-Studie mit 216 Brustkrebspatient*innen bestätigte diese Ergebnisse – 58,7% der Nutzer*innen erfuhren eine klinisch relevante Verbesserung ihrer Erschöpfungssymptome1. Besonders bemerkenswert: Die Wirksamkeit hing nicht von der Nutzungsintensität ab, auch Gelegenheitsnutzer*innen profitierten deutlich.
PINK! Coach – Ganzheitliche Begleitung bei Brustkrebs
Der PINK! Coach ist die erste dauerhaft zugelassene DiGA für Brustkrebspatient*innen und begleitet Betroffene von der Diagnose über die Therapie bis in die Nachsorge. Die App wurde von der Gynäkologin Prof. Dr. Pia Wülfing speziell für Mammakarzinom-Patient*innen entwickelt.

Das Programm verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz mit drei Säulen: evidenzbasierte Ernährungsberatung, individualisierte Bewegungsprogramme und psychoonkologische Unterstützung. Ein intelligenter Algorithmus passt die täglichen Ziele an die aktuelle Therapiesituation der Patient*in an. Zusätzlich bietet ein Chatbot Unterstützung bei Nebenwirkungen, während eine umfangreiche Infothek leitliniengerechte Informationen bereitstellt.
Real-World-Daten aus einer sechsmonatigen Auswertung mit 776 Nutzer*innen zeigen eindrucksvolle Ergebnisse: Patient*innen konnten ihr Gewicht stabilisieren oder sogar reduzieren, während normalerweise eine Gewichtszunahme von etwa 10% erwartet wird. Besonders Patient*innen unter Antihormontherapie reduzierten ihren BMI signifikant. Zudem steigerten alle Teilnehmenden ihre körperliche Aktivität messbar 2.
Verordnungsvoraussetzungen und Zugang
DiGA können von Ärzt*innen jeder Fachrichtung sowie Psychotherapeut*innen verschrieben werden. Die Verordnung erfolgt extrabudgetär und belastet das Heilmittelbudget nicht. Patient*innen benötigen eine gesicherte Diagnose entsprechend der jeweiligen DiGA-Zulassung. Nach der Rezepteinreichung bei der Krankenkasse erhalten sie einen Freischaltcode für die kostenlose Nutzung.
Die Apps stehen zunächst für 90 Tage zur Verfügung, Folgeverordnungen sind unbegrenzt möglich. Private Krankenversicherungen übernehmen die Kosten nicht immer, weshalb eine vorherige Klärung empfehlenswert ist.
Fazit
DiGA stellen eine sinnvolle Ergänzung der onkologischen Versorgung dar, ersetzen jedoch weder ärztliche Behandlung noch strukturierte rehabilitative Maßnahmen. Ihr aktueller Stellenwert liegt vor allem in der individualisierten Unterstützung von Patientinnen und Patienten sowie in der Überbrückung von Versorgungslücken zwischen den Sektoren.
Die geringe Bekanntheit dieser Möglichkeiten – nur etwa 25% der Bevölkerung kennen verschreibbare Apps – macht eine verstärkte Aufklärung in der Fachwelt notwendig 3.
Mit zunehmender Evidenz und wachsender Anzahl spezifischer Anwendungen ist perspektivisch eine stärkere Integration in die onkologische Versorgung und Rehabilitation zu erwarten.
- Unterstützung beim Selbstmanagement nach Abschluss der Akuttherapie
- Begleitung bei Langzeitfolgen (z. B. Fatigue, psychische Belastung)
- Förderung gesundheitsbezogener Verhaltensänderungen
Allerdings ist die Integration von DiGA in rehabilitative Behandlungskonzepte bislang nicht standardisiert und erfolgt überwiegend projektbezogen oder ergänzend.
Quellen und Anmerkungen:
- Spahrkäs SS, Looijmans A, Sanderman R, Hagedoorn M. How does the Untire app alleviate cancer-related fatigue? A longitudinal mediation analysis. Psychooncology. 2022;31(6):970–977↩
- Wolff J, Wuelfing P, Koenig A et al. App-Based Lifestyle Intervention (PINK! Coach) in Breast Cancer Patients‑A Real-World-Data Analysis. 2024↩
- Healthcare in Europe. DiGAs in der Onkologie: wirksam, verfügbar, unbekannt. Februar 2026↩


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