Psilocybin, der Wirkstoff der sogenannten „Magic Mushrooms”, rückt zunehmend in den Fokus der onkologischen Forschung. Eine aktuelle Studie liefert nun mechanistische Hinweise auf ein mögliches Präventionspotenzial bei einer der häufigsten und bislang kaum behandelbaren Chemotherapiekomplikationen.
Die chemotherapieinduzierte periphere Neuropathie (CIPN) betrifft einen erheblichen Anteil aller Patientinnen und Patienten, die Neurotoxika wie Cisplatin, Paclitaxel oder Oxaliplatin erhalten. Typische Symptome sind Kribbeln, Taubheitsgefühle, Schmerzen und Gleichgewichtsstörungen – häufig beginnend distal an Händen und Füßen. CIPN kann zu Therapieabbrüchen führen und persistiert in vielen Fällen dauerhaft.
Für die onkologische Rehabilitation ist CIPN allgegenwärtig: als Einschränkung bei Mobilität und Feinmotorik, als Sturzrisiko und als Belastung der Lebensqualität. Eine zugelassene, wirksame Prävention existiert bislang nicht.
Die Studie
Anfang September erschien in Science eine präklinische Studie des MD Anderson Cancer Centers 1, die einen neuen Ansatz zur CIPN-Prävention untersucht: die prophylaktische Gabe von Psilocybin vor Chemotherapiezyklen.
Die Forschenden kombinierten Mausverhaltensmodelle, Elektrophysiologie, Live-Cell-Imaging, molekulare Analysen und humanes Gewebeanalysen, um den Wirkmechanismus zu charakterisieren.
Mechanismus: Mitochondrialer Transport als Ansatzpunkt
Der zentrale Befund betrifft die mitochondriale Transportmaschinerie in sensorischen Neuronen. Chemotherapeutika stören den axonalen Transport von Mitochondrien – jenen Organellen, die die Nervenenden mit Energie versorgen. Fehlt diese Versorgung, degenerieren die langen Ausläufer der sensorischen Nervenzellen.
Psilocybin wird im Körper zu seinem aktiven Metaboliten Psilocin umgewandelt, der eine Ko-Aktivierung der Rezeptoren 5‑HT2A und TrkB bewirkt. Diese Signalkaskade – vermittelt über AKT und PAK5 – reguliert das Motorprotein KIF5B sowie das mitochondriale Ankerprotein SNPH und erhält so den bidirektionalen Mitochondrientransport und die intraepidermale Nervenfaserdichte aufrecht.
Diese Befunde wurden nicht nur im Tiermodell erhoben, sondern auch an menschlichem Nervengewebe von 29 Patientinnen und Patienten des MD Anderson Cancer Centers validiert.
Wesentliche Ergebnisse
Bereits zwei prophylaktische Dosen Psilocybin vor Chemotherapiebeginn verhinderten in Mausmodellen die Entwicklung mechanischer und thermischer Schmerzhypersensitivität. Dieser Schutz hielt über bis zu sechs Chemotherapiezyklen an – ein Befund, der in vergleichbaren präklinischen Studien bislang nicht reproduziert werden konnte.
In tumortragenden Mäusen zeigte Psilocybin keine messbaren Auswirkungen auf das Tumorwachstum, was für die onkologische Anwendbarkeit ein wichtiger Sicherheitsaspekt ist. Die schützende Wirkung war zudem nicht auf ein einzelnes Chemotherapeutikum beschränkt, sondern zeigte sich substanzübergreifend.
Einordnung
Die Studie ist methodisch sorgfältig aufgebaut und die Publikation in Science spricht für eine entsprechende Qualitätsprüfung. Dennoch sind mehrere Einschränkungen zu beachten:
- Es handelt sich um präklinische und ex-vivo-Daten. Klinische Studien am Menschen stehen aus. Psilocybin unterliegt in den meisten Ländern dem Betäubungsmittelrecht, was die klinische Entwicklung regulatorisch aufwändig macht. Fragen zur praktischen Integration in Therapieprotokolle – inklusive möglicher psychoaktiver Effekte – sind offen.
- Die Autoren selbst positionieren Psilocybin und verwandte, nicht-halluzinogene 5‑HT2A-Agonisten als „first-in-class” prophylaktische Strategie, die klinische Evaluation verdient. Dieser Schritt steht noch bevor.
Fazit: Es empfiehlt sich eine aufmerksame Beobachtung der weiteren Studienlage, ohne voreilige Schlüsse.
Take-Home-Message
Psilocybin verhindert in präklinischen Modellen die Entstehung chemotherapieinduzierter Neuropathie durch Erhalt des mitochondrialen Transports in sensorischen Neuronen – einschließlich ex-vivo-Validierung an menschlichem Gewebe. Das Konzept einer prophylaktischen Gabe vor Chemotherapiezyklen ist mechanistisch plausibel und klinisch relevant. Ob sich dieser Befund in kontrollierten Studien am Menschen bestätigt, bleibt abzuwarten.
Quellen und Anmerkungen:
- Heles M. et al., „Psilocybin prevents chemotherapy-induced peripheral neuropathy through mitochondrial trafficking preservation”, Science 393, eaec6116 (2026). DOI: 10.1126/science.aec6116↩


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