Das 32. Reha-Kolloquium 2023 wurde im Februar in Hannover als Präsenz-Veranstaltung mit begleitendem Live-Stream des Hauptstranges durch die Deutsche Rentenversicherung Bund, die Deutsche Rentenversicherung Braunschweig-Hannover und die Deutsche Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften (DGRW) veranstaltet.
Auch in diesem Jahr bot der Kongress eine wichtige Plattform für den wissenschaftlichen Austausch rund um Fragen der Rehabilitation, Teilhabe und Versorgungsforschung.
Das Kongressmotto – ein Auftrag auch für die onkologische Rehabilitation „Veränderungskultur fördern – Teilhabe stärken – Zukunft gestalten”: Dieses Motto trifft den Kern dessen, wofür die onkologische Rehabilitation seit jeher steht. Krebserkrankungen hinterlassen tiefe Spuren – körperlich, psychisch und sozial. Betroffene stehen nach Diagnose und Therapie oft vor grundlegend veränderten Lebenssituationen und müssen neue Wege finden, um am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Eine gute onkologische Reha schafft genau dafür den Rahmen: Sie fördert Veränderungsfähigkeit, stärkt die Selbstwirksamkeit und gestaltet gemeinsam mit den Rehabilitandinnen und Rehabilitanden eine tragfähige Zukunft. Der diesjährige Kongressslogan hätte also kaum passender gewählt sein können.
Funktionsstörungen und Erwerbsprognose in der onkologischen Reha
Ein besonders praxisrelevanter Beitrag kam vom IFR Ulm: Kaluscha und Kollegen stellten eine computerlinguistische Analyse von 5.766 anonymisierten Entlassungsberichten aus onkologischen Rehabilitationseinrichtungen vor. Ziel war es, Funktionsstörungen systematisch zu erfassen und deren Einfluss auf die Erwerbstätigkeit nach der Rehabilitation zu untersuchen – ein Thema, das in der onkologischen Versorgungsforschung bislang eher im Hintergrund stand, da viele Studien primär auf Endpunkte wie Überleben oder Rezidiv fokussieren. Die Ergebnisse sind eindrücklich: Funktionsstörungen wie Fatigue (bei 57 % der Betroffenen dokumentiert), Schmerzen (75 %), Depression (23 %) oder Metastasierung hatten sämtlich einen signifikant negativen Einfluss auf die Beschäftigungstage im Jahr nach der Rehabilitation. Hinzu kommen krebsartspezifische Unterschiede: Patienten mit Lungenkrebs, Kopf-Hals-Tumoren oder Magenkrebs zeigten deutlich schlechtere Erwerbsprognosen als etwa jene mit Brust- oder Prostatakrebs. Diese Erkenntnisse sind für die Planung und Steuerung onkologischer Rehabilitationsmaßnahmen hochrelevant: Sie machen deutlich, dass eine differenzierte Betrachtung individueller Funktionseinschränkungen – und nicht nur des Tumortyps – entscheidend für eine realistische Einschätzung der beruflichen Wiedereingliederung ist.
Lebensqualität und Rückkehr zur Arbeit nach radikaler Zystektomie
Ebenfalls mit dem Thema Teilhabe und berufliche Reintegration befasste sich ein Beitrag des Urologischen Kompetenzzentrums für die Rehabilitation der Kliniken Hartenstein. Müller und Kollegen präsentierten Ergebnisse einer prospektiven Versorgungsforschungsstudie mit 230 präoperativ berufstätigen Patientinnen und Patienten nach radikaler Zystektomie aufgrund eines Harnblasenkarzinoms – einem uroonkologischen Eingriff von erheblicher Tragweite.Die Studie begleitete die Teilnehmenden über fünf Messzeitpunkte bis zwei Jahre nach der Anschlussrehabilitation. Das Ergebnis ist ermutigend: Knapp 70 % der Befragten waren zwei Jahre nach der Rehabilitation wieder erwerbstätig, davon über 90 % in Vollzeit. Gleichzeitig zeigten 46,5 % der Patienten eine erneut erhöhte psychosoziale Belastung – ein Befund, der unterstreicht, wie wichtig eine nachhaltige psychosoziale Nachsorge nach onkologischen Maximeingriffen ist. Als stärkster positiver Prädiktor für die Rückkehr zur Arbeit erwies sich das Alter unter 60 Jahren. Die Studie wurde von den Referenten als „Leuchtturm-Projekt” der onkologischen Versorgungsforschung eingestuft und liefert wertvolle Orientierungsdaten für Klinik, Beratung und Gesundheitspolitik.
Fazit
Das 32. Rehabilitationswissenschaftliche Kolloquium hat erneut gezeigt, wie lebendig und vielfältig die rehabilitationswissenschaftliche Forschungslandschaft in Deutschland ist. Für die onkologische Rehabilitation waren besonders jene Beiträge von Bedeutung, die den Blick über den klinischen Abschluss hinaus richten: auf den Alltag, die Arbeit, die Lebensqualität und die psychosoziale Stabilität der Betroffenen. Teilhabe ist kein Selbstläufer – sie muss gefördert, begleitet und erforscht werden. Genau das ist der Auftrag, dem sich Rehabilitationsforschung und ‑praxis gemeinsam verpflichtet fühlen sollten.


0 Kommentare