Unter dem Motto „Fairsorgt in der Reha? Vielfalt leben – Chancengleichheit schaffen” fand vom 24. bis 26. März 2026 in Leipzig das 35. Rehabilitationswissenschaftliche Kolloquium statt – der größte wissenschaftliche Kongress der Rehabilitationsforschung im deutschsprachigen Raum.
Forscherinnen und Forscher, klinisch Tätige und Vertreterinnen und Vertreter der Rehabilitationsträger kamen in diesem Rahmen inzwischen zum 35. Mal zusammen, um aktuelle Befunde zu diskutieren und gemeinsam an der Weiterentwicklung einer bedarfsgerechten Versorgung zu arbeiten.

Die AGORS war auch in diesem Jahr mit Beiträgen vertreten und griffen unter anderem mit Themen zur Zugangsgerechtigkeit und Passgenauigkeit der onkologischen Rehabilitation relevante Aspekte des Kongressmottos auf.
Chancengleichheit im Gesundheitswesen: das Rahmenthema des Kongresses
Das diesjährige Motto griff eine Frage auf, die im Rehabilitationsbereich zunehmend an Bedeutung gewinnt: Für wen ist welche Form der Rehabilitation wirksam – und wer bleibt bisher zu wenig berücksichtigt? In den Keynotes und Eröffnungsvorträgen wurde deutlich, dass ein gesetzlich geregelter Zugang allein keine gerechte Versorgung garantiert. Soziale Lage, Bildungshintergrund, Geschlecht, Behinderung und Migrationshintergrund beeinflussen, ob Menschen den Weg in die Rehabilitation finden, ob Antragsformulare für sie verständlich sind, ob die Einrichtungen ihren Bedarfen entsprechen – und letztlich, ob sie von der Maßnahme profitieren.
In einer viel beachteten Sitzung stellten Maria Mader und Kolleginnen der Universität Bielefeld eine Synthese aus zwei qualitativen Studien vor, die den Zugang zur medizinischen Rehabilitation für Menschen mit vorbestehenden Behinderungen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung untersuchte. Ihr zentrales Ergebnis: Beide Gruppen stehen vor ähnlichen Hürden – unklare Zuständigkeiten, bürokratisch komplexe Antragsverfahren, eine hausärztliche Praxis als zentrale, aber nicht immer gut informierte Schnittstelle. Menschen mit vorbestehenden Behinderungen treffen jedoch auf zusätzliche Barrieren: Standardformulare bilden komplexe Versorgungsbedarfe nicht ausreichend ab, Kostenträger zeigen sich bei ungewöhnlichen Fallkonstellationen häufig unsicher, und die nötige Unterstützung beim Antragsprozess fehlt oft. Die Forscherinnen plädierten dafür, niedrigschwellige Beratungsangebote auszubauen und die Zugangswege aktiv für benachteiligte Gruppen zu öffnen – denn ein gleichberechtigter Zugang zur Rehabilitation komme letztlich der gesamten Gesellschaft zugute.
Ergänzt wurde dieses Bild durch Beiträge zu rassistischer Diskriminierung in der Rehabilitation, zu Geschlechterdisparitäten beim Rehabilitationszugang sowie zu den Exklusionsrisiken chronisch erkrankter Menschen in der Arbeitswelt. Die durchgehende Botschaft: Rehabilitationsangebote müssen konsequenter auf unterschiedliche Lebenslagen und Bedarfe zugeschnitten werden, wenn der Anspruch auf faire Versorgung mehr als ein formales Versprechen sein soll.
Highlight aus der onkologischen Rehabilitation: Junge Krebspatientinnen und ‑patienten verdienen ein eigenes Programm
Besondere Aufmerksamkeit verdient ein Posterbeitrag aus der Asklepios Nordseeklinik Westerland/Sylt, den Dr. Georgia Schilling gemeinsam mit Christiane Capek und Maria Scheer präsentierte. Die Arbeit stellte das Konzept und die ersten Ergebnisse der Jungen Onkologischen Rehabilitation (JOR) vor – eines speziell auf junge Erwachsene im Alter von 15 bis 39 Jahren zugeschnittenen Rehabilitationsprogramms.
Jährlich erkranken in Deutschland rund 16.000 junge Menschen an Krebs. Diese Altersgruppe stellt zwar einen vergleichsweise kleinen Anteil an allen Krebsneuerkrankungen dar, steht aber vor ganz eigenen Herausforderungen: Fragen der Familienplanung, langfristige gesundheitliche Folgen der Therapie, finanzielle Unsicherheit und tiefgreifende Veränderungen sozialer Rollen sind Themen, die in herkömmlichen Rehabilitationsprogrammen kaum Raum finden. Die JOR begegnet dieser Versorgungslücke mit einem strukturierten Programm, das sport- und physiotherapeutische Betreuung mit psychologischer Unterstützung verbindet – und das bewusst in festen Bezugsgruppen Gleichaltriger arbeitet.
Die Ergebnisse aus einer Kohorte von 83 Patientinnen und Patienten sind eindrücklich: 85 Prozent verbesserten sich im 6‑Minuten-Gehtest, 82 Prozent zeigten eine Verbesserung ihrer allgemeinen Lebensqualität im SF‑8, 80 Prozent berichteten weniger Angst und Depression, 78 Prozent eine Abnahme des psychosozialen Distresses und 75 Prozent eine Reduktion der Fatigue – jeweils gemessen mit etablierten, validierten Instrumenten. Besonders betont wurde von den Autorinnen der Wert des Austauschs in der Gruppe: Die Patientinnen und Patienten schätzen die Begegnung mit Gleichaltrigen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, als einen der wichtigsten Bestandteile der Maßnahme.Das Fazit des Beitrags war klar: Spezialisierte Programme für junge onkologische Patientinnen und Patienten sind nicht nur wirksam, sondern notwendig. Sie schließen eine Lücke, die bislang kaum systematisch adressiert wurde – und verdienen eine breitere Umsetzung.
Soziale Ungleichheit beim Return-to-Work nach Brustkrebs
Ein weiterer relevanter Beitrag aus dem Bereich der onkologischen Rehabilitation stammte von Johannes Soff und Kolleginnen der Deutschen Krebsgesellschaft und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Die Arbeitsgruppe untersuchte berufsspezifische Unterschiede bei der Rückkehr ins Erwerbsleben nach einer Brustkrebserkrankung – und traf damit den Kern des Kongressthemas.
Auf der Grundlage der Reha-Statistik-Datenbasis der Deutschen Rentenversicherung wurden 135.403 Frauen ausgewertet, die zwischen 2012 und 2022 eine Rehabilitation nach einer Brustkrebsdiagnose abgeschlossen hatten. Das zentrale Ergebnis: Trotz einer hohen Arbeitsunfähigkeitsrate am Reha-Ende kehrten 71 Prozent innerhalb von zwei Jahren nachhaltig ins Erwerbsleben zurück – eine ermutigende Zahl. Dahinter verbergen sich jedoch erhebliche Unterschiede: Frauen in körperlich belastenden, wenig flexiblen Berufen wie Pflege, Reinigung und Hilfsarbeit hatten deutlich geringere Chancen auf eine erfolgreiche Wiedereingliederung als Fach- und Führungskräfte mit mehr Autonomie und anpassungsfähigeren Arbeitsbedingungen. Die mittlere Zeit in Erwerbstätigkeit fünf Jahre nach der Rehabilitation reichte von 29 Monaten bei Hilfskräften bis zu 38 Monaten bei Führungskräften und akademischen Berufen.Die Autorinnen und Autoren benennen diesen Befund als „sozialen Gradienten” und sehen darin einen Hinweis auf strukturelle Barrieren bei der beruflichen Reintegration. Die Schlussfolgerung für die Praxis: Rehabilitation muss nicht nur klinisch wirksam sein, sondern auch die berufliche Realität ihrer Patientinnen in den Blick nehmen – insbesondere bei Gruppen, die arbeitsbedingt höheren körperlichen Anforderungen ausgesetzt sind und weniger Spielraum für Anpassungen haben.
Fazit
Das 35. Rehabilitationswissenschaftliche Kolloquium hat gezeigt, dass die Rehabilitationsforschung in Deutschland zunehmend bereit ist, die Frage „Ist Reha wirksam?” zu erweitern um die entscheidende Folgefrage: „Wirksam für wen, unter welchen Bedingungen – und wer bleibt bislang zurück?” Für die onkologische Rehabilitation bedeutet das: Neben der Wirksamkeitsevidenz rücken Themen wie Zugangsgerechtigkeit, Zielgruppenorientierung und soziale Unterschiede im Rehabilitationsverlauf stärker in den Mittelpunkt. Beides zusammen – solide Wissenschaft und Sensibilität für Ungleichheit – ist die Grundlage für eine Versorgung, die dem Anspruch des Mottos tatsächlich gerecht wird.






0 Kommentare