Nach Operation, Chemotherapie oder Bestrahlung stehen Krebspatient*innen vor der Aufgabe, sich in einem veränderten Alltag zurechtzufinden. Die onkologische Rehabilitation unterstützt diesen Übergang medizinisch und psychosozial. Wertvolle Impulse kommen hierbei aus dem Bereich der Krebsselbsthilfe. Die AGORS will daher in den nächsten Monaten und Jahren die Zusammenarbeit mit der organisierten Krebsselbsthilfe ausbauen.
Was Selbsthilfe in der Rehabilitation leisten kann
Rehabilitationskliniken sind ein naheliegender Ort für den Erstkontakt mit der Selbsthilfe. Patient*innen befassen sich hier – oft zum ersten Mal nach der Akutbehandlung – intensiv mit Fragen der weiteren Lebensführung, mit Krankheitsverarbeitung und Selbstmanagement. Das macht die Reha zu einem günstigen Zeitfenster, um über Selbsthilfegruppen zu informieren und den Zugang zu erleichtern.
Die Forschungslage stützt das: Peer-Unterstützung wirkt sich bei Krebspatient*innen positiv auf Lebensqualität, Selbstwirksamkeit und Krankheitsbewältigung aus. Persönliche Begegnungen – wie sie im Rahmen eines stationären Aufenthalts gut umsetzbar sind – erweisen sich als besonders wirksam. Patient*innen profitieren von der Erfahrungskompetenz Gleichbetroffener: Sie finden Orientierung im Umgang mit Therapiefolgen, erleben emotionale Entlastung und lernen alltagstaugliche Strategien kennen.
Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation und die Deutsche Rentenversicherung betonen, dass gemeinschaftliche Selbsthilfe eine wichtige Ergänzung zur medizinischen Rehabilitation darstellt und zur langfristigen Stabilisierung des Rehabilitationserfolges beiträgt.
Selbsthilfefreundlichkeit – mehr als ein Etikett
Zur Frage, wie sich die Zusammenarbeit zwischen Klinik und Selbsthilfe verbindlich organisieren lässt hat das Netzwerk Selbsthilfefreundlichkeit und Patientenorientierung im Gesundheitswesen seit 2009 einen strukturierten Rahmen geschaffen. Über 550 Mitglieder – Kliniken, Selbsthilfekontaktstellen und Selbsthilfegruppen – gehören dem Netzwerk inzwischen an. Für die besonderen Rahmenbedingungen von Rehabilitationskliniken wurden fünf Qualitätskriterien entwickelt, und zwar gemeinsam von Klinikvertreter*innen und Selbsthilfeaktiven:
1. Selbstdarstellung ermöglichen: Die Klinik informiert Patient*innen und Angehörige an zentralen Orten und über ihre Medien über den Stellenwert der Selbsthilfe. Die Zusammenarbeit mit indikationsbezogenen Selbsthilfegruppen und ‑organisationen wird sichtbar dargestellt.
2. Auf Teilnahmemöglichkeiten hinweisen: Patient*innen und Angehörige werden während der Rehabilitation regelhaft und persönlich auf passende Selbsthilfegruppen aufmerksam gemacht – nicht beiläufig, sondern als fester Bestandteil des Rehabilitationsprozesses.
3. Ansprechperson benennen: Die Einrichtung benennt eine konkrete Ansprechperson für das Thema Selbsthilfe und macht sie bei Patient*innen und Mitarbeitenden bekannt.
4. Zum Thema Selbsthilfe qualifizieren: Mitarbeitende sind über Selbsthilfe allgemein und in Bezug auf die häufigsten in der Einrichtung behandelten Erkrankungen informiert und geschult.
5. Kooperation verlässlich gestalten: Klinik und Selbsthilfe treffen konkrete Vereinbarungen zur Zusammenarbeit und zum regelmäßigen Austausch – von der gemeinsamen Veranstaltungsplanung bis zum strukturierten Feedback.
Das Zertifikat „Selbsthilfefreundliche Rehabilitationsklinik”
Kliniken, die diese fünf Kriterien nachweislich erfüllen, können sich als „Selbsthilfefreundliche Rehabilitationsklinik” auszeichnen lassen. Die Auszeichnung wird vom Netzwerk Selbsthilfefreundlichkeit vergeben, gilt für zwei Jahre und dokumentiert nach außen ein besonderes Engagement für Patientenorientierung.
Einige onkologische Rehabilitationskliniken haben diesen Weg bereits beschritten – darunter die Fachklinik für onkologische Rehabilitation Bad Oexen, die 2013 als eine der ersten Rehabilitationskliniken in Deutschland diese Auszeichnung erhielt. Diese Beispiele zeigen, dass Selbsthilfefreundlichkeit im Klinikalltag machbar ist und sich als Qualitätsmerkmal auszahlt: Zahlreiche Zertifizierungsverfahren im Gesundheitswesen verlangen inzwischen den expliziten Nachweis von Patientenorientierung – ein Bereich, in dem Selbsthilfefreundlichkeit eine greifbare Substanz bieten kann.
Das Haus der Krebs-Selbsthilfe als Anlaufstelle
Für onkologische Rehabilitationskliniken ist außerdem das Haus der Krebs-Selbsthilfe – Bundesverband e. V. (HKSH-BV) ein naheliegender Partner. Der Bundesverband vereint zwölf Mitgliedsorganisationen, die das Spektrum onkologischer Erkrankungen breit abdecken – von der Frauenselbsthilfe Krebs über den Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe und die Deutsche ILCO bis zum BRCA-Netzwerk und dem Selbsthilfe-Bund Blasenkrebs.
Das HKSH-BV arbeitet unabhängig von der Pharmaindustrie und setzt sich für Vorsorge, Früherkennung, Therapie, Rehabilitation, Forschung und soziale Sicherung ein. Für Rehabilitationskliniken ergeben sich daraus konkrete Kooperationsmöglichkeiten: Vermittlung indikationsspezifischer Selbsthilfegruppen, gemeinsame Informationsveranstaltungen oder die Einbindung erfahrener Peers in den Rehabilitationsalltag.
Was Rehabilitationskliniken jetzt tun können
Auch unterhalb einer formalen Zertifizierung lässt sich einiges bewegen:
Informationsmaterial sichtbar platzieren. Flyer und Broschüren regionaler und überregionaler Selbsthilfeorganisationen gehören nicht nur ins Sozialdienstbüro, sondern in Eingangsbereiche, auf Stationen und in Aufenthaltsräume.
Selbsthilfe in den Therapieplan aufnehmen. Vorträge von Selbsthilfeaktiven, Informationsveranstaltungen oder moderierte Gesprächsrunden mit erfahrenen Peers lassen sich als fester Programmpunkt verankern.
Selbsthilfebeauftragte*n benennen. Eine klar benannte Ansprechperson – ob aus dem Sozialdienst, der Pflege oder dem ärztlichen Bereich – schafft verbindliche Strukturen und erleichtert Selbsthilfegruppen den Zugang zur Klinik.
Mitarbeitende schulen. Fortbildungen zum Thema Selbsthilfe sensibilisieren das Klinikteam und befähigen dazu, Patient*innen kompetent über Angebote zu informieren.
Kooperationsvereinbarungen treffen. Schriftliche Absprachen mit Selbsthilfeorganisationen geben der Zusammenarbeit einen Rahmen, der nicht an einzelnen Personen hängt.
Digitale Zugänge schaffen. Verlinkungen auf der Klinik-Website, Hinweise auf Online-Selbsthilfegruppen oder digitale Informationsangebote ergänzen den persönlichen Kontakt und wirken über den stationären Aufenthalt hinaus.

Die AGORS als Impulsgeber
Die AGORS hat als Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Krebsgesellschaft die Versorgung und Lebensqualität von Krebspatient*innen zum zentralen Anliegen. In der laufenden Legislaturperiode rückt die Zusammenarbeit mit der Krebsselbsthilfe als Schwerpunktthema in den Vordergrund. Die AGORS hat dazu den Kontakt zum Haus der Krebs-Selbsthilfe aufgenommen, um gemeinsam auszuloten, wie die Kooperation zwischen onkologischen Rehabilitationskliniken und der organisierten Krebsselbsthilfe gestärkt werden kann.
Onkologische Rehabilitation und Krebsselbsthilfe ergänzen sich auf eine Weise, die für Patient*innen spürbar wird – vorausgesetzt, die Zusammenarbeit ist gewollt und organisiert. Rehabilitationskliniken, die sich auf den Weg zur Selbsthilfefreundlichkeit machen, schaffen damit nicht nur ein Qualitätsmerkmal auf dem Papier, sondern ein Angebot, das bei den Betroffenen ankommt.
Weiterführende Informationen:
- Netzwerk Selbsthilfefreundlichkeit und Patientenorientierung im Gesundheitswesen: www.selbsthilfefreundlichkeit.de
- Haus der Krebs-Selbsthilfe – Bundesverband e. V.: hausderkrebsselbsthilfe.de
- KoReS-Studie (UKE Hamburg): www.uke.de/kores


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