Das 34. Reha-Kolloquium – auch als „Deutscher Kongress für Rehabilitationsforschung“ bezeichnet – zeigte im März 2025 erneut, dass es das zentrale Forum für rehabilitationswissenschaftlichen Austausch in Deutschland ist.
Mehr als 1.700 Expertinnen und Experten aus Kliniken, Forschungseinrichtungen, Rentenversicherung und Gesundheitspolitik trafen sich in Nürnberg, organisiert von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Bund, der DRV Nordbayern und der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften (DGRW).
Ergänzend zum Präsenzkongress wurde der Hauptstrang live gestreamt, wodurch auch Kolleginnen und Kollegen, die nicht vor Ort sein konnten, das Programm verfolgen konnten.

Relevanz für onkologische Rehabilitation und Sozialmedizin
Für Einrichtungen mit onkologischem Schwerpunkt war Nürnberg aus mehreren Gründen spannend. Erstens stellten zahlreiche Sessions datenbasierte Konzepte zur Bedarfsermittlung und Outcome-Messung vor – wichtig, um Tumorpatientinnen und ‑patienten passgenau zu unterstützen. Zweitens zeigte sich, wie eng Forschung, Praxis und Träger zusammenarbeiten: Die DRV nutzte das Kolloquium, um digitale Steuerungsinstrumente und neue Qualitätsindikatoren zu diskutieren, während wissenschaftliche Teams konkrete Interventionsstudien vorstellten.
Drittens rückte die sozialmedizinische Perspektive stärker in den Fokus: Von Begutachtungskriterien bis hin zu arbeitsplatzbezogenen Nachsorgeprogrammen wurde betont, dass onkologische Reha nur dann nachhaltig wirkt, wenn medizinische Fortschritte mit sozialrechtlicher Begleitung und koordinierter Teilhabesteuerung verzahnt werden.
Fatigue-Management bei onkologischen Rehabilitand*innen
Besonders viel Resonanz erhielt der Vortrag „Multimodales Fatigue-Management in der medizinischen Onkorehabilitation“ (Session „Evidenzbasierte Therapiekonzepte“). Die Arbeitsgruppe aus einer DRV-Fachklinik stellte ein Stufenmodell vor, das körperliche Aktivierung, psychologische Interventionen und digitale Selbstmanagement-Tools miteinander kombiniert. Unter den 280 untersuchten Patientinnen und Patienten mit Tumorassoziierter Fatigue reduzierte sich die mittlere Fatigue-Score (FACIT‑F) nach sechs Wochen stationärer Reha um 7,2 Punkte – ein klinisch relevanter Effekt. Gleichzeitig verbesserte sich die objektive Aktivität (gemessen via Wearables) um rund 1.500 Schritte pro Tag.
- Frühzeitige Differenzierung zwischen körperlich bedingter und emotionaler Fatigue
- Strukturierte Bewegungsprogramme mit täglicher Aktivitätserfassung
- Psychoedukation in Kleingruppen plus Tele-Coaching für die Zeit nach der Entlassung
- Einbindung von Angehörigen, um Alltagsbelastungen gemeinsam zu managen
Für onkologische Häuser bietet das Modell mehrere Ansatzpunkte: Es lässt sich modular an Klinikgrößen anpassen, kann an bestehende Sport- und Ergotherapieprogramme andocken und liefert messbare Kennzahlen, die direkt in Qualitätsberichte eingehen. Dass die DRV dieses Setting als „Best Practice“ im Kongressband dokumentiert, unterstreicht den Anspruch, Fatigue nicht als Begleiterscheinung, sondern als eigenständiges Reha-Ziel zu behandeln.
Übergangsmanagement in Arbeit – „Cancer Survivorship und Beschäftigung“
Ein zweiter Höhepunkt war die Session „Berufliche Teilhabe nach onkologischer Erkrankung“, in der ein Team der Universität Hamburg und der DRV Nordbayern ein Pilotprojekt zur kombinierten Reha-Nachsorge vorstellte. Unter dem Titel „Cancer Survivorship und Beschäftigung“ wurde ein zweistufiges Transition-Programm präsentiert:
- Reha-Entlassmanagement – gemeinsam mit betrieblichen Akteur*innen entwickelte Reha-Teams individuelle Rückkehrpläne. Sie enthielten konkrete Empfehlungen zu Arbeitszeit, belastungsangepasster Tätigkeit und psychosozialer Unterstützung.
- Digital begleitete Nachsorge – nach der Entlassung erhielten die Teilnehmenden Zugriff auf eine App, die Symptomtracking, Chat mit Reha-Fachkräften und wöchentliche Video-Workshops kombinierte. Ergänzend wurden Case Manager*innen eingebunden, um mit Arbeitgebern über stufenweise Wiedereingliederung und Arbeitsplatzanpassungen zu sprechen.
In der Zielgruppe (N = 120, überwiegend Brust- und Prostatakarzinom) konnte dadurch die Quote der erfolgreichen Wiedereingliederungen nach sechs Monaten von 58 % (Kontrollgruppe) auf 74 % gesteigert werden. Auffällig war zudem die Reduktion an sozialmedizinischen Konfliktfällen: Nur 6 % der Teilnehmenden benötigten eine erneute Begutachtung, verglichen mit 13 % in der Standardversorgung. Diese Zahlen zeigen, dass strukturiertes Übergangsmanagement nicht nur Patient*innen, sondern auch Trägern und Betrieben Arbeit abnimmt.
Übergeordnete Trends
- Digitalisierung & Datenqualität: Zahlreiche Beiträge beschäftigten sich damit, Routinedaten besser zu nutzen und telemedizinische Elemente in die Reha zu integrieren. Für onkologische Einrichtungen ergeben sich hier Chancen, klinische Scores (z. B. zu Fatigue, CIPN oder kognitiven Symptomen) direkt mit DRV-Routinedaten zu verknüpfen.
- Teilhabefokussierte Sozialmedizin: Die DGRW betonte in mehreren Panels, dass sozialmedizinische Begutachtungen künftig stärker teilhabeorientiert erfolgen müssen. Das passt zu onkologischen Settings, in denen Teilhabehemmnisse häufig komplex ineinandergreifen.
- Versorgungssteuerung: Die DRV stellte neue Ansätze zur Reha-Bedarfsplanung vor, darunter KI-gestützte Prognosen für Reha-Anträge und regionale Steuerungskonzepte.
Fazit
Das 34. Reha-Kolloquium hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig der Schulterschluss zwischen Forschung, Praxis und Trägern ist. Für die onkologische Rehabilitation lassen sich drei zentrale Botschaften ableiten:
- Evidenzbasierte Module wie das multimodale Fatigue-Management sind entscheidend, um Patient*innen mit hoher Symptomlast resilienter zu machen – und sollten systematisch evaluiert und skaliert werden.
- Teilhabe beginnt in der Reha – strukturierte Übergangsprogramme, digitale Nachsorge und enge Kooperation mit Betrieben erhöhen die Erfolgsquote der Wiedereingliederung deutlich.
- Datenkompetenz und Qualitätssteuerung werden zur Schlüsselressource. Wer outcomeorientiert arbeitet, kann neue Steuerungsinstrumente der Träger aktiv mitgestalten.


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